Richard Zoller

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Schattenbücher

Dieses Buch ist der Auftakt zum Schatten-Zyklus.

Zwei Mysteriöse Geschichten aus Bonn, dem Siebengebirge und dem Umland.

"Die düstere Gestalt bückte sich und griff in die Körbe. Aus ihnen holte er Eier, hielt sie über seinen Kopf und zerdrückte sie. Jedes Mal knackte es und aus dem Ei fuhr ein Lichtblitz. Und jedes Mal wurde die Gestalt mehr in Dunkelheit gehüllt ..."

Leseprobe:

Prolog

Kripo Bonn gehört zu den Innovativsten in NRW. Vor kurzem wurde eine Sonderabteilung für mysteriöse Fälle eingerichtet, denn in Bonn und im Siebengebirge kam es immer wieder zu unerklärlichen Vorfällen.

Das Bonner Polizeipräsidium ernannte Michael Zahed zum Sonderbeauftragten. Er sollte sich um diese seltsamen Fälle kümmern, die scheinbar in eine Sackgasse führten.

Bonn und das Siebengebirge sind voll alter Legenden, doch Michael Zahed hatte den Auftrag, die Schatten zu vertreiben. Er will nicht die Mythen entweihen, er sucht Kraft und Ermächtigung in ihnen.

– 1 –

Straßenlaternen schnitten Kegel voller Schneetreiben aus der Luft, der Rest der Welt war in Watte gepackt. Durchgefroren stapfte ich zu meinem Reihenhaus in Oberkassel, am Rande von Bonn.

Ich war völlig aufgedreht. Mir war noch nicht klar, ob ich Luftsprünge machen sollte, oder ob mich die neue Last erdrückte.

Die Freude überwog. Der Posten war ein einmaliges Experiment in der deutschen Polizeigeschichte. Niemand in der Abteilung wusste besser als ich, was sich hinter dem normalen Schein des Alltags verbarg.

Vor drei Jahren, in dem Sommer, der meine Leben verändert hatte, hatte ich mehr erfahren, als wir alle bereit waren, zu glauben. Nur zu gerne würde ich diese Erlebnisse in das Reich der Fantasie abtun, eine Ausgeburt schlechter Tagträume, entsprungen aus einem überlasteten Hirn, dazu verdammt, mühsam vergessen zu werden. Aber das war unmöglich. Ich kannte die Wahrheit. Damit hatte ich einen gravierenden Vorteil vor allen anderen in der Abteilung. Ich brauchte nicht glauben – ich wusste!

Heute war es so weit und die neue Abteilung sollte einen leitenden Beamten bekommen. Alle waren sich sicher, dass Landauers Wahl auf mich fallen würde, trotzdem war ich nervös. Am Mittag schüttelte mir Landauer steif die Hand. Damit war ich zur Leitung gekürt.

Aber was bedeutete das für mich? Ich konnte mir immer noch nicht richtig vorstellen, auf was ich mich eingelassen hatte. Aber mit der Zeit würde ich sicherlich in das Feld hineinwachsen!

Dass mir das Schicksal keine Zeit lassen wollte, wurde mir noch im Verlauf des Abends bewusst ...

Mein Haus war gemütlich und spartanisch eingerichtet. Ich hasste jegliche Art von Unordnung, war aber zu faul, Ordnung zu halten. Also hatte ich meinen Hausstand auf das Nötigste reduziert.

In der Küche hatte ich eine Schale mit frischem Obst. Ich riss mir eine Banane ab und ging weiter in das angrenzende Wohnzimmer und setzte mich auf das Sofa. Ich beschloss, heute nichts mehr zu tun, außer vielleicht an die an die Decke zu starren.

Meine Freude an der Ruhe währte genau zwei Minuten, da klopfte es an der Türe. Ich glaubte erst, dass meine neuen Nachbarin ein Paket angenommen hatte. Als ich in die verzweifelten Augen von Frau Federschmidt blickte, wusste ich, ich hatte weit daneben getippt.

"Kommen Sie erst mal rein!", bat ich sie.

Anke Federschmidt saß auf dem vordersten Rand des Stuhls und hielt sich an einem Glas Milch fest.

"Er ist seit heute Nachmittag weg und ich habe noch kein Lebenszeichen von ihm bekommen. Er wollte schnell zum Petersberg, was erledigen – aber bei dem Wetter?"

"Kann es sein, dass er bei Freunden gemütlich ein Bier trinkt, bis das Schneetreiben nachlässt?", versuchte ich sie zu beruhigen.

Mittlerweile war es halb zehn, er war seit vielen Stunden fort und an ihrer Stelle würde ich mir auch Sorgen machen. Ich überlegte, die Behörden zu verständigen, als Frau Federschmidt tief Luft holte, es sich anders überlegte und ohne etwas zu sagen wieder ausatmete. Dann startete sie einen neuen Versuch.

"Seit zwei Wochen ist er so seltsam, das macht mir Sorgen!"

In den letzten Jahren bin ich sensibel geworden, wenn Leute seltsame Veränderungen feststellten. Was mit liebgewordenen Menschen passieren konnte, war mir nur allzu deutlich geworden.

"Erzählen Sie mal, was hat Sie verunsichert?"

"Die komischen Leute. Seit Wochen treffen sie sich jeden Freitag. Er macht eine riesige Heimlichtuerei drumrum. Niemand darf davon was wissen."

"Was sind das für Leute?"

"Ich weiß es nicht. Sie trafen sich nie bei uns und mein Mann hüllte sich in Schweigen. Ich hörte nur heraus, dass es wohl mehrere Männer sind, ungefähr zehn. Wenn er spät nachts Heim kam, war er in eine andere Welt entrückt. Er sprach kaum, als würde ihn etwas aufwühlen.

Gestern gab es einen neuen Höhepunkt. Mein Mann, der Fritz, der arbeitet bei einer Gerüstbaufirma. Aber gestern ist er nicht zur Arbeit gegangen. Er hatte die ganze Zeit zu Hause gesessen und vor sich hin gegrübelt, als hätte er etwas Furchtbares erfahren, was ihm keine Ruhe lässt! Er hat nicht mit mir gesprochen, bis heute Mittag. Dann ist er los und hat gesagt, er müsse schnell zum Petersberg. Seit dem habe ich nichts mehr von ihm gehört."

Frau Federschmidt schaute wie hypnotisiert in ihr Glas Milch. Ich spürte, wie ihre Sorge zu einem Gespenst anwuchs und drohte, sie zu verschlucken.

"Ich mache Ihnen einen Vorschlag", begann ich. "Ich weiß, dass Sie in Sorge sind, aber wahrscheinlich ist er auf dem Petersberg nur eingeschneit und kommt nicht weg. Ich kann einfach selber auf den Petersberg fahren und nach dem Rechten schauen. Wahrscheinlich hockt er da und friert schrecklich, weil sein Wagen festsitzt. Ich bin auf der Margarethenhöhe schon drei Mal stecken geblieben und die Auffahrt zum Petersberg ist noch steiler. Bevor wir meine Kollegen rausschicken, bin ich schon bei ihrem Mann."

"Das würden Sie tun?" Erleichterung glimmte in ihren Augen.

Kurz darauf schaufelte ich den Neuschnee von meinem Wagen und fuhr zum Petersberg. Der Schweinehund in mir verfluchte meinen sozialen Einsatz, doch als Nachbar fühlte ich mich verpflichtet. Ich wollte sie nicht mit ihren Sorgen einem fremden Beamten überlassen. Schließlich hatte sie mich um Hilfe gebeten und nicht gleich die Polizei gerufen. Wahrscheinlich fürchtet sie sich, dass fremde Leute ihren Mann verwirrt vorfinden könnten. Mit frohem Mute, diese Angelegenheit bald aus der Welt geschaffen zu haben, fuhr ich durch den dichten Schnee hinauf zum Petersberg, ohne zu ahnen, dass dies erst der Anfang von einer unglaublichen Geschichte war ...